Reiseberichte Burma November 2012

8. Tag / Zugfahrt von Mandalay nach Hsipaw

Heute ist Samstag und Brigitte hat Geburtstag. Leider können wir das nicht richtig feiern. Aber Brigitte trägt es mit Fassung. Und wir holen die kleine Feier nach.

Der Wake-up Call erfolgt in Form von heftigem Klopfen gegen unsere Zimmertür. Es ist 2:30 Uhr am Morgen! Schnelle Katzenwäsche im Bad, Zähne putzen, die restlichen Kleinigkeiten in die Tasche schmeißen. Um 3 Uhr wartet unser Taxi an der Rezeption. Wir fahren mit dem kleinen Pick-up durch die laue Nacht, die Straßen sind leer, nur Hunde liegen rum oder laufen umher. Nachts haben sie die Straßen fast für sich alleine. Tagsüber tummeln sie sich auch auf den Straßen, müssen aber ständig den Autos ausweichen.  Ich wundere mich, dass doch ein paar Verkaufsstände ihre Ware auch nachts anbieten.

Seitdem feststand, dass wir mit dem Zug fahren, erzählt Caroline immer mal wieder von ihren Zugfahrerlebnissen in Indien. Von Kindern, die in den Zug springen und alles mitgehen lassen, was nicht niet-und nagelfest ist, von Zügen, die gar nicht kommen oder Stunden zu spät…

Ich bin noch nie in Südostasien mit dem Zug gefahren und rechne also mit dem Schlimmsten und bin umso erstaunter und erfreuter als wir um 03:30 Uhr am Bahnhof eintreffen und unser Zug schon am Gleis steht. Als wir aus dem Taxi steigen bieten sofort Träger für kleines Geld ihre Dienste an, die ich gerne annehme. Der Zug steht auf einem hinteren Gleis und ich bin froh, den schweren Rucksack nicht treppauf und treppab tragen zu müssen. Klappt doch alles super. Am Zug angekommen, wird unser Ticket kontrolliert und wir bekommen unsere Plätze gezeigt.

Der Zug hat 9 USD pro Person gekostet. Und wir haben ein Zugticket für uns alle vier, First class.

Da bis auf 3-4 Burmesen sonst niemand im Abteil sitzt, verteilen wir uns auf die gepolsterten Bänke, wuchten die Taschen auf die Gepäckablagen, öffnen die Fenster und dösen vor uns hin.

Ich beobachte das Treiben auf den Gleisen. Überall liegen Menschen auf Matten unter Decken auf den Bahnsteigen und schlafen.

 Irgendwo schreit ein Baby... In einer Ecke hocken ein paar Jugendliche und tippen auf Ihren Handys bzw. spielen sich gegenseitig Musik vor. Ob die Menschen auf ihren Zug warten oder ob sie hier leben ist mir nicht ganz klar. Der Bahnhof sieht aber relativ sauber aus, wenig bis gar kein Müll, keine Ratten (zumindest sichten wir keine) und Brigitte meint, dass es Wartende sind. Der Gedanke ist mir auch lieber…

Pünktlich um 4 Uhr fährt der Zug los! Gaht doch!

 Es sind noch 3 weitere Westler in den Zug zugestiegen, vermutlich Schweizer. Als der Zug losfährt, holpern und schunkeln wir von rechts nach links und von oben nach unten. Wir müssen lachen…Der Zugwind bläst frische Luft ins Abteil und ich bin froh ein langärmliges T-Shirt und mal wieder mein Kapuzensweatshirt an zu haben. Wir lümmeln und alle irgendwie auf den Sitzen zurecht und versuchen zu schlafen.

Irgendwann wird es hell draußen und wir fahren bei offenem Fenster an wunderschönen Landschaften vorbei. Wir fahren durch das Land der Shan. Es erstreckt sich im Osten des Landes von Nord nach Süd. Wir fahren nach Hsipaw in den Norden.

 Burma ist ein Vielvölkerstaat und eines der ethnisch vielfältigsten Länder Südostasiens. Es gibt 135 offiziell anerkannte Volksgruppen. Die 135 Ethnien werden in acht Hauptgruppen aufgeteilt: die Kachin, die Shan, Kayah, Kayin, Mon, Bamar, Rakhine und die Chin.

Ich bin sofort verliebt in das Land der Shan: Grün soweit das Auge reicht, im Hintergrund sieht man Berge. Alles ist bedeckt von gelben kleinen Sonnenblumen. Es scheint ein sehr fruchtbares Land zu sein. Überall neben den Gleisen sieht man Felder, auf denen Gemüse angebaut wird bzw. Reisfelder.

Wir haben natürlich auch Glück, da wir im November, unmittelbar nach der Regenzeit, das Land bereisen. Alles ist grün und blüht und Caroline meint, dass alles so appetitlich aussieht…

Ich fotografiere viel aus dem offenen Zugfesnster...

Ich genieße also sehr diese rumpelige Zugfahrt und kann gar nicht genug bekommen von der Aussicht. Das witzige ist, dass natürlich entlang der Bahngleise das Grün nicht beschnitten wird wie in Deutschland üblich, so dass der Zug als natürlicher „Rasenmäher“ funktioniert. Die ganze Fahrt über fliegen Zweige durchs Fenster und der Grünschnitt landet im Abteil. Ab und zu müssen wir immer unsere Hosen und Sitze von zerfetzten Blättern und Blüten befreien. Einmal bekomme ich einen Ast ins Gesicht und Brigitte ein Stück Blatt ins Auge, was natürlich weh tut…

Der Zug hält an vielen Bahnhöfen und Frauen und Kinder bieten ihre Ware an. Sie gehen die Abteile entlang, um auf sich aufmerksam zu machen und rufen ihre Ware aus: gekochte Wachteleier, Nüsse, Bananen und andere Früchte sowie kleine Snacks. Meistens dauern die Stopps eine Weile, so dass man getrost aussteigen kann. Caroline besorgt sich Tee und bekommt ihn in einer Tüte mit Strohhalm.

Ich steige auch aus, um mir die Beine zu vertreten und beobachte die Menschen im Zug und sie mich scheinbar auch.

Auf der anderen Seite des Zuges kann ich Hunde beobachten, die im Müll nach fressbarem suchen und kleine Kinder bieten Getränke an. Mädchen laufen mit ein oder zwei Getränken in der Hand den Zug auf und ab und versuchen, etwas zu verkaufen. Ich entdecke einen kleinen Jungen, der mit der einen Hand einen vollgefüllten schweren Wassereimer den Zug entlang schleppt und in der anderen Hand hält er einen Plastikbecher. Er bietet becherweise Wasser zum Trinken an und ruft das auch vor sich hin. Diese Szene macht mich unendlich traurig. Keiner kauft einen Becher und er bleibt irgendwann vor unserem First Class Abteil stehen. Er sieht desillusioniert und verträumt aus, irgendwie ganz weit weg. Er starrt geistesabwesend vor den Zug und ab und zu fällt ihm ein, dass er ja was verkaufen muss und dann ruft er ganz monoton. Hoffentlich verbessert sich auch seine Lebenssituation aufgrund der Veränderungen in Burma. Müssten er und die Mädchen nicht um diese Zeit am Tag zur Schule gehen? Irgendwann verteilt ein Westler Kugelschreiber an den Jungen und die Mädchen aus dem Fenster. Sie nehmen sie entgegen, aber richtige Freude ist auf den Gesichtern irgendwie nicht zu erkennen. Ich bin irgendwie froh, als der Zug weiterfährt.

 Am Bahnhof Pyin Oo Lwin steigen viele Westler in den Zug. Sie möchten den kommenden Streckenabschnitt mitfahren, da wir bald über das berühmte Gokteik Viadukt fahren. Das Abteil ist fast voll. Es ist die berühmteste Eisenbahnbrücke in Myanmar. Sie wurde 1901 eröffnet.  Der Zug fährt über die mittlerweile renovierte Brücke höchst vorsichtig im Schritttempo. Als das Viadukt in Sichtweite kommt, stürzen sich alle auf die eine Zugseite und machen Fotos. Ich kann sitzen bleiben, denn ich habe die Brücke auf meiner Seite…

Viele Bahnliebhaber sind in der Bahn und fotografieren die verrücktesten Sachen. Caroline berichtet von einem, der ein Tonbandgerät dabei hat und Geräusche aufnimmt…

Die Zugfahrt nimmt kein Ende und ich verkneife mir die ganze Zeit den Gang zu Toilette bzw. ich muss gar nicht, da ich fast nichts getrunken habe…vorsichtshalber…

Ich habe zu Beginn der Fahrt  den Drang, mal den Kopf aus dem Fenster während der Fahrt zu stecken, aber Brigitte macht mich eindrücklich darauf aufmerksam, dass das keine gute Idee ist, denn schnell  knallt der Kopf an einen Pfosten…die Sicherheitsabstände sind hier nicht so wie in Deutschland… Na gut…Ich bin lernfähig und behalte meine Gliedmaßen im Zug!

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle mal erwähnen, dass Brigite Ärztin ist und schon in mehreren Ländern in Südostasien im Einsatz war und derartige "Unfälle" schon notversorgen musste...

Nach 11 Stunden Fahrtzeit erreichen wir um um kurz nach 15 Uhr endlich Hsipaw.

Die Stadt liegt außerhalb der normalen Touristenroute und wird von vielen Touristen als Startpunkt für Trekkingtouren genutzt.  Am Bahnhof warten jede Menge Taxis aller Art (Autos, Motorräder, eine Art Trecker, Pick ups) darauf, die Gäste zu ihrem Hotel zu fahren. Wir nehmen zu viert den Pick up und fahren zu unserem Hotel „Mr. Charles“. Als wir ankommen entdecken wir, dass wir nicht die einzigen mit diesem Ziel sind. Das Hotel ist voller westlicher Backpacker. Das Zimmer kostet 35 USD pro Nacht und das Hotel bietet auch organisierte Touren, meist Trekkingtouren, an. Aber darum kümmern wir uns morgen. Das Prospekt stecken wir uns aber schon mal ein, um zu schauen, was so angeboten wird.

Nach einer kurzen Sichtung des Zimmers und einer Pause auf dem Bett, laufen Brigitte und ich noch durchs Städtchen, um im Hellen noch mal schnell die Lage zu peilen. Ab 6 Uhr abends ist es stockdunkel und man benötigt eine Taschenlampe und gute Augen, um sicher die Straße entlang zu laufen, da die Bürgersteige oft zugestellt sind und man auf die Straße ausweichen muss und überall große Löcher oder ähnliches in der Straße sind, also viele Stolperfallen.

Wir entdecken einen Laden, der so ziemlich alles anbietet und hier besorgen wir uns eine Riesenrolle Toilettenpapier. Das Toilettenpapier auf den Hotelzimmern ist meist viel zu wenig und von ganz schlechter  Qualität. Es zerbröselt beim Benutzen…Das Toilettenpapier, was wir jetzt gekauft haben, sieht ganz stabil aus…Es wird uns eine Weile auf der Reise begleiten…

Später  finden wir ein chinesisches Restaurant und wir stoßen mit Bier und Cola auf Brigittes Geburtstag an. Fazit: Das Zugfahren hat doch gut geklappt, besser als gedacht. 

22.5.13 15:00

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